Michael Frass
Im Jahre 1755 wurde Samuel Hahnemann in Meißen als Sohn eines Porzellanmalers geboren. Er genoß eine strenge Erziehung. Sehr früh wurde sein außerordentliches Talent erkannt und seine weitere Ausbildung gefördert. Im Rahmen seines Medizinstudiums kam er unter anderem nach Wien, wo er bei Dr. Quarin, dem Leibarzt von Kaiser Joseph II. und Gründer des Alten AKH, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder studieren durfte.
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Samuel Hahnemann (künstlerische Gestaltung Mag. art. Doris Frass) |
Dabei kam er bei der Übersetzung eines Werkes von Cullen zu einer Stelle, an der die Wirkung der Chinarinde besprochen wird: das Kauen der Chinarinde heilt Malaria durch eine tonisierende Wirkung auf den Magen, was von Cullen auf deren Bitterkeit zurückgeführt wurde. Hahnemann bezweifelte diese Erklärung und konstatierte bei einem Selbstversuch tatsächlich Symptome, die denen der Malaria ähnlich waren. Durch einen Gedankenblitz, kam ihm eine der Grundlagen der Homöopathie in den Sinn, nämlich „Similia similibus curentur“ (Ähnliches muss durch Ähnliches geheilt werden). Dies bedeutet vereinfacht, dass einerseits die Einnahme von Chinarinde beim Gesunden Malariasymptome hervorrufen kann und andererseits Kranke mit ähnlichen Symptomen durch Chinarinde geheilt werden können. Dabei wird durch die jeweiligen Arzneimittel im Körper eine Kunstkrankheit erzeugt, die stärker ist als die eigentliche ursprüngliche Krankheit und diese damit überwindet. Die Dauer der Kunstkrankheit ist aber bedeutend kürzer. Somit kommt es also zu einer Anregung der Eigenheilkräfte.
In der Folge untersuchte Hahnemann verschiedene pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen und schrieb die Symptome genau auf. Dabei entstanden die sogenannten Arzneimittelbilder nach der Prüfung am Gesunden. Da die Zahl der Symptome sehr groß war, entstanden später Repertorien, das sind Register, mit deren Hilfe die Arzneimittel leichter auffindbar sind.
Er begann eine Praxis, da er ein cholerischer Typ war und zudem im Krieg mit Apothekern wegen Selbstdispensierung lag, ist er zum Leidwesen seiner Familie mehrmals umgezogen. Er lebte zuletzt in Köthen. Er war verheiratet mit Henriette Küchler mit der er elf Kinder hatte. Henriette verstarb, im Alter von 80 Jahren lernte er die 35-jährige Pariser Malerin Melanie Gohier kennen und heiratete sie. Melanie brachte ihn nach Paris, was natürlich zu einer Verstimmung der Deutschen führte. Melanie baute mit ihm eine große Praxis in Paris auf, er verstarb mit 88 Jahren im Jahre 1843 und ist am Friedhof Père Lachais begraben. Besonders muss betont werden, dass die Homöopathie von einem einzigen Mann nahezu vollendet werden konnte.
Hahnemanns wesentliche Werke sind: das Organon, 6. Ausgabe, das die Grundlagen der Homöopathie in knapp 300 Paragraphen zusammenfasst, darunter § 1: „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“, und den § 153, der die Wichtigkeit der eigentümlichen und sonderbaren Symptome für die Anamnese und Mittelfindung besonders betont. Die Arzneimittellehre beschreibt sämtliche bei der Prüfung aufgetretenen Symptome, die Chronischen Krankheiten sind Hahnemanns Meisterwerk, das er erst im hohen Alter abschloß.
Wie sieht nun die homöopathische Praxis aus? Die Patienten kommen mit Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen zum Homöopathen, vorteilhafterweise noch vor organischen Veränderungen. Der Patient schildert seine Beschwerden, am besten simpel und einfach ohne Verwendung von Fremdwörtern und fertigen Diagnosen. Der Arzt schreibt alles auf, versucht wenig zu unterbrechen, nur hier und da gezielte Zusatzfragen zu stellen. Die Anamnese in der Homöopathie zeichnet sich durch besondere Berücksichtigung individueller Symptome aus.
Die Fragen des Arztes beziehen sich, ähnlich wie in der konventionellen Medizin, auf Familienanamnese, Kinderkrankheiten, und frühere Krankheiten. Weiters werden eine vegetative Anamnese, eine soziale, private sowie berufliche Anamnese erhoben, wobei auch Gemütssymptome besondere Beachtung finden. Dazu kommt eine physikalische Untersuchung. Wert wird auf zum Teil weniger wichtig erscheinende Details gelegt, wie z. B. Empfindlichkeiten gegenüber Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, etc.. Nach Aufschreiben aller Symptome versucht der Arzt das passende Arzneimittel zu finden, das bei der Prüfung am Gesunden ähnliche Symptome hervorzurufen imstande ist.
Die Einnahme erfolgt zumeist oral in Form von Globuli (Kügelchen), die aus
Rohrzucker bestehen und mit einem Arzneimittel getränkt sind. Es gibt verschiedene
Stärken (= Potenzen): C- Potenzen, D- Potenzen, LM-Potenzen (=Q-Potenzen), die
einen unterschiedlichen Verdünnungsgrad angeben. Warum hat Hahnemann nun die
Potenzen eingeführt? Er testete zunächst die Arzneimittel in unverdünntem Zustand.
Da bei der Prüfung von Veratrum album eine seiner Töchter beinahe gestorben
wäre (manche Pflanzen sind ja im Urzustand sehr giftig), dachte er über eine
andere Form der Zubereitung nach. So entwickelte Hahnemann die “Potenzen“: Potenz
bedeutet Verdünnung UND Verschüttelung des Arzneimittels. Die Verschüttelung
führt zum Übergang der Wirkung eines Arzneimittels auf das Lösungsmittel. Die
Grenze für Naturwissenschafter ist die Loschmidt´sche Zahl: 6 x 1023
(= Zahl der Moleküle in einem Mol eines Stoffes), die daher Potenzen nur bis
zu einer D 23 oder C 11 verschreiben. Hahnemann machte viele Untersuchungen
mit einer C 30. Diese so genannten „Hochpotenzen“ zeichnen sich aber durch ihre
besonders tiefgehende Wirkung aus. Die Potenzierung ist aber nicht eine unabdingbare
Voraussetzung zur Anwendung der Homöopathie, allerdings treten viele Qualitäten
der Arzneimittel erst bei der Potenzierung hervor. Zudem können mit der Potenzierung
die toxischen (=giftigen) Effekte mancher Arzneimittel umgangen werden.
Es muss betont werden, dass die Homöopathie eine „materielle“ Medizin ist: die Kügelchen läßt man auf der Zunge zergehen, etwa 15 Minuten vorher und nachher sollte man nichts essen, trinken oder Zähne putzen. Bei tieferen Potenzen sind häufigere Einnahmen über einen gewissen Zeitraum vorgesehen, bei höheren Potenzen seltenere Einnahmen. Wichtig ist es, die Wirkung zu beobachten: solange eine Besserung eintritt, soll man abwarten und die Mittelwirkung nicht unterbrechen.
Was kann die Homöopathie? Sie unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Gesundheitszustand wiederherzustellen. Der Patient ist aus dem Gleichgewicht gekommen, eine Harmonisierung wird angestrebt. Das Vorhandensein der „Lebenskraft“ ist Voraussetzung. Die Homöopathie ist eine Medizin, die nicht nach Indikationen vorgeht.
Was ist nicht Homöopathie? Ohne jegliche Wertung, muss die Homöopathie von Methoden abgegrenzt werden, die mit ihr nichts zu tun haben, z. B.: Bachblüten, Bioresonanz, Akupunktur, Elektroakupunktur, Kräutermedizin, Osteopathie, Kinesiologie, traditionell chinesische Medizin, Ayurveda, etc.
Moderne naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bei Verdünnungen Cluster von zunehmender Größe bilden, die desto größer sind, je verdünnter die Ausgangssubstanz ist. Mittels Thermolumineszenz konnte ein Einfluss potenzierter Substanzen nachgewiesen werden. Auch große klinische Studien belegen, daß die Ergebnisse mit Homöopathie der Wirkung von Placebo überlegen sind.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Homöopathie dadurch gekennzeichnet ist, daß sie von Ärzten unter Verwendung von Einzelmitteln nach der Ähnlichkeitsregel mit an Gesunden und Kranken geprüften Arzneimitteln durchgeführt wird.