Kabarettist Alfred Dorfer im Gespräch


Denken wir gesund?

Nach dem Physiker Univ.-Prof. Dr. Herbert Pietschmann und dem
Kinderpsychiater Prim. Dr. Paulus Hochgatterer soll diesmal ein Kabarettist
zu Wort kommen: Von Entschleunigung im Alltag, von gelungener
Kommunikation und von der Lust an einem guten Gespräch,
das auch im Umgang mit unseren Patienten und Kunden von Bedeutung
ist, ist die Rede.

von MAG. PHARM. ILSE MUCHITSCH

Dorfer’s »Donnerstalk« inspirierte
mich zu einem Gespräch mit Tiefenschärfe.

Humor ist sicherlich Xund!


Muchtisch: Die erste Frage mit einem Augenzwinkern an Alfred Dorfer:
„Ist Gesundheit für Sie »kaufbar – philosophierbar – kabarettierbar«?


Dorfer: Gesundheit ist sicher kaufbar bis zu einem gewissen Grad, da unser Wohlbefinden
ja an der Börse notiert. Philosophierbar und kabarettierbar hängen zusammen, da ja
gute Satire nur ein humoristischer Umgang mit philosophischen Grundfragen ist, und
Gesundheit eindeutig dazu gehört.

Muchitsch: Ich war sehr erstaunt,Sie in einem Seminarzyklus anzutreffen, wo es um Philosophie, Medizin
und Homöopathie geht. Zuerst dachte ich mir, der Dorfer hat
einen Zwillingsbruder, doch beim Buffet zeigten Sie sich ziemlich
authentisch. Ich habe das Gefühl, Sie fühlen sich dort wohl, wo ziemlich heftig nachgedacht wird?

Dorfer: Ich fühle mich dort wohl, woziemlich heftig und lustvoll nachgedacht wird, im Gegensatz zu jenen Zirkeln, die
an halbintellektuelle Zigarrenclubs erinnern, wo ein Kult um die eigene Ansicht
gemacht wird. Diese Überheblichkeit fadisiert mich.

Muchitsch: Gibt es für Sie »Lieblingsliteratur
des Nachdenkens«?


Dorfer: Nicht direkt; aber beeindruckt hat mich z.B. die »Dialektik der Aufklärung«,
weil da ziemlich luzide die Barbarei als Schatten der Aufklärung vorausgesagt wird,
die jetzt eingetroffen ist. Mit Ausbeutung der Ressourcen, unbeherrschbarer Technik,
Wirtschaftshörigkeit etc.

Muchitsch: Alfred Dorfer und Homöopathie – eine Symbiose?

Dorfer: Eine Symbiose ist eine Lebensgemeinschaft zu beiderseitigem Nutzen. Welchen
Nutzen die Homöopathie jetzt aus mir ziehen sollte, weiß ich nicht, umgekehrt ist es aber in jedem Fall so.

Muchitsch: Homöopathie ist nicht nur »soft und süß«, wie sie gerne dargestellt wird, sie zwingt auch zu
Widerstand, zum Nachdenken über den Sinn, der sich hinter Krankheiten
verbirgt. Körpersprache ist eine sehr deutliche Sprache mit
wirksamen Signalen. Wie sehen Sie den Trend zur Komplementärmedizin,
wie wir ihn jetzt als Boom der Homöopathie und Traditionellen
Chinesischen Medizin – um nur einige zu nennen – erleben?

Dorfer: Ich bin da kein Experte. Aber es gibt ein wachsendes Unbehagen gegenüber der
üblichen Medizin. Nicht nur gegenüber der Methode, sondern auch gegenüber ihrer Repräsentanten.
Es gibt einfach zu viele schlechte Ärzte. Darüber sollte man diskutieren,
wenn man an Einsparungen im Gesundheitswesen denkt, da wäre sicher großes Potenzial.

Muchitsch: Manchmal hilft Humor oder ein herzliches Lachen. Ein Lachtherapeut hat mir einmal gesagt
»Lachen befreit von Zwängen«.

Dorfer: Die therapeutische Wirkung des Lachens ist ja mittlerweile unumstritten. In einem
gewissen Maße natürlich, das sollte nicht überschätzt werden.

Muchitsch: Homöopathie erlebt den Widerstand der Wissenschaft: »Chippendales der Physik«, wie sie
eine Gruppe genannt hat, polemisiert. Wie ist Ihre Meinung über Wissenschaft, Grenzen der Wissenschaft
und berechtigte Kritik?

Dorfer: Auf Polemik braucht man nicht zu reagieren, das ist Zeitverschwendung. Tatsache
ist, dass viele Menschen die Wirkung der Homöopathie täglich in der Realität erleben.
Sie ist also Faktum. Die Naturwissenschafter können mit ihren Methoden diese
Wirkung aber nicht nachvollziehen. »Noch nicht«, wie die etwas Entspannteren unter
ihnen sagen. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man diffamiert diese Patienten
als Hysteriker oder man erkennt die Grenzen der eigenen Methode. Medizin ist
eben wesentlich mehr als Physik. Und das ewige Aufwärmen des Placebo-Arguments
könnte auch Eigentorcharakter bekommen. Vor allem, wenn man sich, so wie große Teile
der Medizin, in der Knechtschaft der Pharmaindustrie befindet.


Muchitsch: Freie Assoziation zu »süß« – ich habe Ihre Fernsehreportage mit dem Schokoladenhersteller
Franz Zotter gesehen und war beeindruckt von der »Süße des Lebens«. Schokolade mit einem
Abenteuer an Geschmackserlebnissen – für jede Emotion etwas Passendes. Zotter ist für mich ein
mutiger Mensch, der sich über Konventionen hinwegsetzt, sich mit Liebe und Hingabe neuen Produkten
hingibt und seinem Betrieb die soziale Kompetenz des Fairtrade als Wertemaßstab vorgibt. Gibt
es eine Lieblingsschokolade von Alfred Dorfer? Gibt es »Lieblingswerte« von Alfred Dorfer, die das
Leben lebenswert machen?


Dorfer: Zotter versucht, den Menschen in Regionen Lateinamerikas einen gerechteren
Lohn zu bezahlen. Das stößt auf vehementen Widerstand der dortigen politischen
Strukturen. Für diesen Mut und dieses Engagement gebührt ihm höchster Respekt. Es gibt im Übrigen eine Lieblingsschokolade
von mir, die Kombination aus Marzipan und Nougat.


Muchitsch: Wenn ich vorhin die »Süße des Lebens«, allerdings in einem anderen Zusammenhang zitierte,
so komme ich auf meinen vorherigen Interviewpartner Paulus Hochgatterer zurück. Sein erster
Kriminalroman mit eben diesem Titel, handelt von den nicht so süßen Seiten des Lebens, von misshandelten
Kindern, psychisch gestörten Menschen und Mord. Das sind die Gruselthemen, die wir uns
doch so gerne »reinziehen«, die wir als »verbal – voyeuristischen Kick« benötigen, um aus dem Alltag auszusteigen.
Dorfer und Hochgatterer bestechen durch ihre Sprachgewandtheit. Warum lieben wir Kabarett
und Krimis – was zieht an?


Dorfer: Die Kunst der Satire besteht darin, das Auffällige im Unauffälligen bewusst zu
machen. Sie ist also eine Art Spiegel, der das Lachen provoziert. Im besten Fall über sich
selbst. Warum wir Krimis lieben, kann ich nicht beantworten, da ich kein Spezialist für
dieses Genre bin.


Muchitsch: Kabarett passiert auch im Alltag und in Situationen, wo man es am wenigsten vermutet. Da
ich skurrile Szenen liebe, darf ich eine Begebenheit, die mir vor einem Jahr in Ägypten passierte, erzählen.
Klassische Situation: Pyramiden – Kamele – Hitze – Menschenmassen und irgendwann kommt dann der Kulturschock:
Es war eine in rosa Plüschpelz eingehüllte Japanerin mit akkubetriebenem Handventilator, die endlos
den besten Fotografierplatz vor der Sphinx kichernd blockierte. Es kamen meine »Aus«– und Fluchtgedanken:
Wo ist das erstbeste kühle Lokal, das wir auftreiben können? Da charmante Ägypter mich seltsamerweise
als Touristin identifizierten, wurde ich in einen »coolen« Parfumladen verschleppt, in dem auch Tee angeboten wurde. Sonnenstich selbst diagnostizierend oder dehydriert, verriet ich dem smarten Besitzer meine Herkunft.
Ein Aufschrei im Raum, ein Durchsuchen der Promibildergalerie, die zwischen den Tausenden Parfumfläschchen
gezwängt war, und dann ein Foto als Trumpf in den Händen: „Alfred Dorfer, DER Promi aus
Österreich, war auch hier und ist genau an demselben Platz gesessen!“ Stolzer kann man sich einen
ägyptischen Parfumladenbesitzer nicht vorstellen. Das ist wahre Gastfreundschaft! ... und seit dieser
Zeit gibt es eine kabarettreife Assoziationskette – Sphinx – Touristen – Japanerin in rosa Plüsch – ägyptisches
Parfum – Fata Morgana – Alfred Dorfer …

Dorfer: Ja, ich war dort mit meinem Sohn, als ganz dumme Touris waren wir im nächstliegenden Geschäft, um Essenzen zu
kaufen, die man daheim dann ohnehin nicht verwendet.

Muchitsch: Letze Frage – eine politische: Es scheint so, als hätte Ägypten die politische Freiheit geschafft.

Dorfer: Naja, ich würde da einmal abwarten. Die gesellschaftspolitischen Strukturen
dort sind kaum zu meistern. Die Bevölkerung besteht zu einem sehr hohen Prozentsatz aus jungen Menschen ohne
Perspektive auf Arbeit oder eine minimale Form der sozialen Absicherung. Korruption
ist ein entscheidender Faktor. Im Grunde war das eine kleine Revolution für mehr
Wohlstand und die Erfüllung von Grundbedürfnissen. Die Demokratie war da eher sekundär.

Muchitsch: Es scheint so, als hätte Japan die viel gepriesene Souveränität der Atomindustrie und noch
unausgesprochen mehr verspielt.


Dorfer: Unfreiwillig komisch waren in diesem Zusammenhang die vielen Statements der so genannten Experten. Stündlich was
anderes, keiner wusste, wie es weitergeht. Auch eine markante Grenze der Wissenschaft.
Überrascht haben nebenbei dann doch die ungebrochene Arroganz und das
Aufrechterhalten der Lügen, die jetzt langsam offensichtlich werden.


Vielen Dank an Alfred Dorfer für das Gespräch.

Da es in meinem Arbeitskreis HomResearch neben Sinn für Humor, Philosophie und effektiven
Gesprächen primär um sehr ernste Themen der Pharmazie und Medizin geht,
die uns nicht egal sind, darf ich Sie zu unserer diesjährigen Schwerpunktveranstaltung
sehr herzlich einladen: Fortbildungsveranstaltung »Homöopathie extrem«, Mittwoch, 23.11. 2011, Wien

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